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- SpiritMedia von Thomas Schmelzer


Berufung Buch: Christian Strasser

Christian Strasser wurde einmal als der „zweifellos schillerndste, umstrittenste und bewunderste Verleger in der deutschen Buchbranche“ bezeichnet. Nach einer beispiellosen Karriere in den USA und in Deutschland widmet sich der praktizierende Yogi nun mit seinen Verlagen Scorpio und Trinity nur noch Themen, die ihm persönlich am Herzen liegen: Neues Bewusstsein und der Wandel unserer Zeit.

Herr Strasser, der Beginn Ihrer Karriere liest sich wie das Musterbeispiel eines internationalen beruflichen Aufstiegs…

Mit 23 Jahren gründete ich mit den größten deutschen Buchhändlern gemeinsam eine Firma, um den deutschen Buchhandel mit Problemlösungen zu begleiten. Vier Jahre später ging ich zu Time Life nach Amerika. Mein Weg dort wurde zur Karriere eines Europäers, der in einem globalen Unternehmen klein beginnt und schließlich an der Spitze steht. Am Ende war ich verantwortlich für das gesamte weltweite Geschäft.

Gab es dort einen Wendepunkt?

Der große Bruch kam bei mir mit Ende 30. Ich hatte gelernt, was es heißt, Unternehmen zu führen, Verlage zu kaufen, zu verkaufen und global strategisch zu denken. Mit dem Inhalt von Büchern hatte das wenig zu tun. Bevor ich meine Seele endgültig einem amerikanischen Konzern verkaufte, machte ich mich selbstständig. Zuerst mit verschiedenen Beteiligungen, und zwei Jahre später dann endgültig mit der Absicht, nur noch Bücher zu verlegen, die mir wichtig erschienen. Und: ein Verlagsunternehmen aufzubauen, was unabhängig ist vom großen Konzern „Geld“. Ich wollte wissen, ob man mit Ideen, Leidenschaft und altmodischen Werten wie Zusammenhalt und Vorbild-sein es auch schaffen kann. Das gelang mir zehn Jahre lang, und aus dem einen wurden 15 Verlage – die damals größte deutsche Verlagsgruppe. Aber auch dieses Leben ging vor sechs Jahren zu Ende – zum Glück!

Wie viel hat die Arbeit eines Verlegers mit Literatur zu tun, und wie viel mit Geschäft?

80-90 Prozent der Publikumsverlage sind in den Händen von großen Konzernen. Wer dort funktionieren will, muss in erster Linie Gewinn und Umsatz steigern. Heute widme ich mich nur noch Themen, die mir wichtig scheinen. Schon vor zwei, drei Jahren habe ich gespürt, dass die Welt beginnt, sich zu verändern. Der große Einschnitt war die Pleite von Lehmann Brothers. Mir wurde klar, dass das keineswegs nur eine „Finanzkrise“ ist, sondern der Beginn eines radikalen Umbaus unseres Lebens. Ein schwieriger Prozess, der mindestens zwischen zehn und zwanzig Jahre lang dauern wird.

Viele alte Strukturen bestehen noch, und manche sagen, dass sie nur durch einen großen Bruch wirklich verändert werden können. Sehen sie die Chance zu einem sanften Wandel

In den Siebziger Jahren erschien „Die Grenzen des Wachstums“ von den Autoren des Club of Rome. Es prophezeite, was wir heute erleben: Das Ende der Energieressourcen und die Grenzen dessen, was die Natur, das Klima und der Mensch vertragen kann. Die Massenmedien und unsere Politiker – durchaus respektable und intelligente Menschen – versuchen nach wie vor mit Methoden, die das Newton´sche Weltbild uns gelehrt hat, Probleme zu lösen: Durch Logik, Denken, Ursache und Wirkung. Doch das gelingt nicht mehr. Deshalb bin ich überzeugt, dass nur durch ein Umdenken zu verhindern ist, dass das System Mensch in den nächsten hundert Jahren an die Wand rast. Ein Wandel des Bewusstseins ist nötig!

Warum ist so eine Veränderung so schwierig?

Der Mensch hat ein Ego, das sich nach äußeren Dingen richtet – nach Erfolg, Besitz, Status, dem dicksten Auto und dem großen Bankkonto. Obwohl Viele merken, dass man dadurch nicht glücklich wird, halten sie an diesen Werten fest. Eine neue Generation, ein neuer Typ Mensch, besonders auch viele Yogis, denken aber anders. Die, die ganzheitlich denken und bereit sind, nach innen zu gehen, fühlen sich verbunden mit einer größeren Kraft, mit der Natur und miteinander – eine Vernetzung des Geistes und der Herzen. Diese beiden Welten prallen jetzt aufeinander. Die, die haben, werden Nichts freiwillig hergeben. Doch alte Strukturen beginnen sich aufzulösen – oder sich zu wandeln. Das wird aber nur geschehen, wenn die Verantwortlichen sich selber transformieren.

Was, glauben sie, kann ein Buch dazu beitragen?

Suchende Menschen sind intensive Leser. Sie haben Fragen über sich und die Welt. Durch Bücher bekommt der Leser Anregungen und Ideen, wie die Dinge sich weiterentwickeln könnten. Die höchste Aufgabe unserer Zeit ist, dass die sogenannten Eliten im Kopf aufwachen und umdenken. Auch das Wort „Transformation“ benutze ich höchst selten – man wird sofort mit einem Etikett versehen und in die Schublade gesteckt. Meine Hoffnung sind die Kinder der Top-Frauen und Topmanager. Denn wenn die abends nach Hause kommen, fragen diese Kinder: „Was hast Du gemacht, Papa? Geld, Gewinn, Umsatz, Leute entlassen? Schämst Du dich denn gar nicht?“ Das ist die Chance!

© 2010 Thomas Schmelzer für YOGA JOURNAL